Kategorien
Kino

Sundance Film Festival 2026: 5 to Watch

Einmal mehr durfte ich dieses Jahr das «Sundance» aus der Ferne be- und beobachten. Der Fokus lag dabei erneut auf den vier Hauptwettbewerben, die ich fast komplett sehen konnte. Wenig grosse Highlights, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie im Laufe dieses Filmjahres noch eine grössere Rolle spielen werden – aber mindestens fünf sehenswerte Highlights gab es trotzdem.

Wobei wir natürlich gleich über den grossen pinken Elefanten im Raum sprechen müssen: Nein, keiner dieser Filme hat zurzeit ein CH-Kinostartdatum – geschweige denn einen Streaming-Release in Aussicht. Aber das ist halt die klassische Huhn-/Ei-Frage, die mittlerweile jedes Filmfestival begleitet: Wenn niemand beginnt, über die Filme zu sprechen und sich für sie stark zu machen, dann kann auch nie ein Verleih oder ein Streamingdienst auf sie aufmerksam werden. Darum machen wir das jetzt.

Zuerst aber noch ein kleines Wort zum generellen Vibe der diesjährigen Selektion: Das Festival, das einst Namen wie Tarantino, Soderbergh, Aronofsky oder Chazelle gross gemacht hat, befindet sich spätestens seit der Coronapandemie in einer mittelgrossen Identitätskrise. Das US-Indie-Kino ist nicht auf Rosen gebettet, grosse Akquisitionen am Festival werden immer rarer, Festival-Breakouts gibt es in Park City nicht mehr so viele wie auch schon.

Aber sie existieren immer noch.

«Past Lives» und «Train Dreams» sind die zwei prägendsten Beispiele der letzten beiden Jahre – jedoch ist es wohl kein Zufall, dass diese Titel in der Premieren-Sektion gezeigt wurden, also ausserhalb der vier Wettbewerbe (U.S. Dramatic, U.S. Documentary, World Cinema Dramatic, World Cinema Documentary – je zehn Filme).

In den Wettbewerben fluktuiert die Qualität mittlerweile sehr stark, Filmemachende ziehen Nebensektionen in Cannes oder Venedig einer Sundance-Premiere vor – anscheinend ist dieser Weg der lohnenswertere. Wer einen Blick in die letztjährige «Un Certain Regard»-Nebensektion von Cannes wirft, sieht mit den Regiedebüts von Kristen Stewart («The Chronology of Water»), Harris Dickinson («Urchin») und Scarlett Johansson («Eleanor the Great») gleich drei Filme, die prä-Pandemie offensichtliche «Sundance»-Filme gewesen wären.

Wo das Festival, welches heuer zum letzten Mal in Park City stattfand und nächstes Jahr nach Boulder zügelt, aber nach wie vor ganz stark ist, ist im Dokumentarfilmbereich. Alle (!) fünf Dokus, die an den diesjährigen Oscars für den Dokumentarfilm-Oscar nominiert sind, hatten ihre Premiere vor einem Jahr am Sundance. Wow. Es ist daher kein Zufall, dass auch unter meinen 5 to Watch-Titeln aus der diesjährigen Selektion gleich vier Dokus gelandet sind. Mindestens zweien davon rechne ich sogar realistische Oscar-Chancen ein.

Mein komplettes Sundance 2026-Ranking aller 35+ Filme, die ich dieses Jahr gesehen habe, gibt’s drüben bei Letterboxd.

«Barbara Forever»
(dir. Brydie O’Connor)

Sundance Film Festival 2026: 5 to Watch: BARBARA FOREVER
© The Estate of Barbara Hammer. Courtesy of Sundance Institute.

Brydie O’Connors Film über Barbara Hammer, eine Pionierin des queeren Kinos, ist eigentlich eine ziemlich klassische biografische Doku über eine Künstlerin – nur dass sie Hammer’s eigenes Werk auf wirklich makellose Weise nutzt, um ihre Geschichte zu erzählen und zu zeigen, wie ihr Œuvre in den Händen anderer weiterleben und sich transformieren wird.

Eine der schönsten Darstellungen von Kunst und Kreativität als lebenswichtige, untrennbare Erweiterung eines Menschen. Wunderschön.

Wann bekommen wir das zu sehen?
Dürfte hoffentlich bald auf zahlreichen queeren Filmfestivals zu sehen sein. Vielleicht sogar schon am Pink Apple?

«Big Girls Don’t Cry»
(dir. Paloma Schneideman)

Sundance Film Festival 2026: 5 to Watch: BIG GIRLS DON'T CRY
© Jen Raoult. Courtesy of Sundance Institute.

Der einzige Spielfilm auf meiner Must-Watch-Auswahl ist Paloma Schneidemans Regiedebüt, ein klassischer Coming-of-Age-Film, der im Jahr 2006 spielt. Im Zentrum steht Sid, eine 14-jährige junge Frau, die im Laufe eines Sommers zahlreiche Lektionen über die Liebe und das Leben lernt.

Sehr klassisch erzählt, mit den üblichen Fremdschäm- und Gott-sei-Dank-habe-ich-das-alles-hinter-mir-Momenten, mit Low-Waist-Röcken und MSN-Messenger-Flashbacks, aber eben auch mit einer wirklich tollen zentralen Performance von Ani Palmer und vor allem: aus weiblicher Perspektive erzählt. Ein schönes Pendant zu «Mid 90s» oder «Didi», bei denen ja die Jungs im Mittelpunkt standen.

Wann bekommen wir das zu sehen?
Im Herbst? Vielleicht am Zurich Film Festival? Würde auf alle Fälle gut in den Wettbewerb passen.

«Nuisance Bear»
(dir. Gabriela Osio Vanden &
Jack Weisman)

Sundance Film Festival 2026: 5 to Watch: NUISANCE BEAR
© Gabriela Osio Vanden. Courtesy of Sundance Institute.

Gabriela Osio Vanden und Jack Weisman erweitern ihre gleichnamige Kurzdoku von 2021, die auf einem ziemlich einfachen, aber gerade darum eindrücklichen Konzept basiert: Gemeinsam zeichnen sie den Weg eines Eisbären nach, der im Nordwesten Kanadas der menschlichen Zivilisation immer näher kommt, dort aber gar nicht erwünscht ist. Also wird er per Helikopter weiter nördlich geflogen, in die Nähe eines Inuit-Dorfs … das ihn ebenfalls nicht in seiner Nähe haben will.

Eine exzellente, unaufdringliche Naturdoku, die viele Themen im genau richtigen Mass berührt: Klimawandel, sich verändernde Ökosysteme, Tourismus – und dazu eindrückliche Bilder liefert sowie mit Filmmusik von «The White Lotus»-Komponist Cristobal Tapia de Veer aufwartet.

Die Kurzdoku stand auf der Oscar-Shortlist, und mit der richtigen Strategie könnte diese Langfassung sogar noch weiter kommen. Auch, weil: Cute Bear!!!

Wann bekommen wir das zu sehen?
Ein A24-Release – gute Voraussichten also. Irgendwann im Herbst/Winter, vielleicht auf einer grösseren Streamingplattform? Naturdokus haben ja nach wie vor eine grosse Audience.»

«One in a Million»
(dir. Itab Azzam & Jack Macinnes)

Sundance Film Festival 2026: 5 to Watch: ONE IN A MILLION
© Jack MacInnes. Courtesy of Sundance Institute.

Dokumentarfilme über Flucht und Migration, die an Einzelpersonen angehängt sind, handeln meist entweder von der gefährlichen Reise selbst oder von den Schwierigkeiten, sich an einem neuen Ort und in einer neuen Kultur ein neues Leben aufzubauen. Dieser Film handelt von beidem. Und davon, zurückzukehren. Und davon, zurückzublicken.

Über einen Zeitraum von zehn Jahren begleiten die Filmemachenden Isra’a vom Kindesalter bis ins Erwachsenenleben, und es ist schwer, sich ihrer Geschichte zu entziehen – besonders dann, wenn die Erfahrungen ihrer Mutter und ihres Vaters als Kontrast und Spiegel daneben gestellt werden.

Eine Langzeitbeobachtung die den Lauf der Zeit auf eine wirklich eindrückliche Weise spürbar macht. Stark auch, gerade weil dieses Terrain im Dokumentarfilm längst so stark erschlossen ist.

Wann bekommen wir das zu sehen?
Ein Grossteil des Films spielt in und um Köln, ein Kinorelease in der Schweiz ist nicht unrealistisch. Und sonst: HRFF oder Ähnliches?

«Seized»
(dir. Sharon Liese)

Sundance Film Festival 2026: 5 to Watch: SEIZED
© Jackson Montemayor. Courtesy of Sundance Institute.

Sharon Lieses Doku erzählt die Geschichte einer Kleinstadtzeitung und ihrer Querelen mit der lokalen Polizei. Deren Herausgeber, der 72-jährige Eric A. Meyer, ist ein Journalist alter Schule und lässt sich von nichts und niemandem unterkriegen.

Eine enorm unterhaltsame Doku, weil kleinkarierte Kleinkriege einfach immer funktionieren – zugleich aber auch eine unverkennbar traurige. Diese Zeitung existiert nur, weil Eric ein sturer Journalist ist, der vermutlich bis zu seinem letzten Tag auf dieser Erde berichten wird. Aber wenn es keine Erics mehr gibt – und sie verschwinden buchstäblich jeden Tag – wer schaut dann den Gemeinderäten und lokalen Regierungen noch auf die Finger?

Eine eindrückliche Erinnerung daran, warum Lokaljournalismus ein so essenzielles Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft ist. Daher auch ein gefundenes Fressen für allfällige Awards und Auszeichnungen, wenn man aktuelle politische Entwicklungen ennet am Teich im Hinterkopf behält.

Wann bekommen wir das zu sehen?
Schwierig. Wahrscheinlich auf einen Streaming-Release warten – was eine Oscar-Nominierung im nächsten Jahr beschleunigen könnte.
Und hier nochmals der Link zur kompletten Sundance-Liste und den dazugehörigen Reviews – inkl. den Festival-Hypes «Josephine» oder «American Doctor» von denen ich nicht ganz so begeistert war wie andere.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.