Liebe Filmfreund:innen – und solche, die es noch werden wollen, oder die das ganze Jahr einfach mit Besserem beschäftigt waren: Hier folgt die alljährliche, äusserst subjektive Liste der 20 besten Filme des Jahres.
Wisst ihr noch, als ich mir letztes Jahr vorgenommen habe, weniger Neuerscheinungen zu schauen? Well, I failed kläglich. 340 Filme waren zu viele? Nun, how about *ugh* 418?!
Klar, Qualität geht über Quantität – aber hey, wie genau soll man denn wissen, ob ein Film wirklich schlecht ist, wenn man ihn gar nie schaut? Ich meine, «A Minecraft Movie»: Secret Masterpiece? Turns out, nein, war es nicht. Aber eben, mein Punkt steht.
Auf das Filmjahr 2025 blicke ich als mein persönliches Year of Zen zurück. So oft habe ich mich erfolgreich daran erinnern können, mich einfach auf das einzulassen, was ich da gerade zu sehen bekomme. Mit verschränkten Armen in 418 Filme zu gehen und der Erwartungshaltung Ich habe gehört, du seist gut – beweis mir wieso, oder, noch schlimmer, Ich bin nur hier, um die Haare in der Suppe zu suchen ist unter dem Strich wenig zielführend. 2025: It’s the Glass-Half-Full-Jahr.
Was habe ich verpasst?
Eigentlich nicht viel. Zum vielleicht ersten Mal kann ich bereits vor Jahresende sagen: Ich glaube, ich habe alles gesehen, was man gesehen haben müsste. (Also klar, auf meiner Watchlist stehen weiterhin rund 50 2025er-Releases, aber … pscht.)
Gibt es auch noch einen Rest der Liste?
Klar, wie immer drüben auf Letterboxd, wo ich all meine Gedanken zu neuen Filmen bereits durchs Jahr sammle. Und sonst: Here we go – die 20 besten Filme 2025! Watched a lot of things this year, diese 20 sind mir besonders geblieben:

#20
«Marty Supreme»
dir. Josh Safdie
Beim letztjährigen Gewinn seines SAG-Awards kündigte Timothée Chalamet an, er wolle One of the Greats werden. Und weil es ein paar Wochen später mit dem Oscar dann aber nicht klappen sollte, wurde für den nächsten Anlauf das Gaspedal noch ein wenig entschlossener Richtung Unterboden gedrückt.
Und so ist «Marty Supreme», die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Tischtennisspielers (anscheinend inspiriert von einem echten Marty!), tatsächlich die hundert-und-ein-prozentige Timmy-Show geworden.
Inszeniert von jener Safdie-Hälfte («Uncut Gems», «Good Time»), die (anscheinend?) für deren vier doppelte Espressi, bitte!-Energie auf dem Filmset und im Schneideraum zuständig ist, fühlt man sich nach diesem zweieinhalbstündigen Schnellzug-Rush zwar ziemlich ausgelaugt. Auch lassen sich nicht sämtliche Und wozu das Ganze?-Fragen zufriedenstellend beantworten. Aber eben: Zeug:in zu werden, wie ein:e Schauspieler:in ein bislang unerreichtes Level freischaltet, den maximalen Peak erreicht … es ist die Experience durchaus wert.
D-CH Kinostart: 26. Februar 2026
#19
«I Love You, I Leave You»
dir. Moris Freiburghaus
«Ja, es geht ihm zurzeit nicht so gut», ist ein Satz, dem wir – gerade in der heutigen Zeit – immer mal wieder begegnen, wenn wir uns bei Freund:innen nach jenen Freund:innen erkundigen, die wir schon auffällig lange nicht mehr gesehen haben.
Was es aber wirklich heisst, wenn es jemandem gerade nicht so gut geht, und welche Auswirkungen das auf das nähere Umfeld haben kann, wird selten so eindrücklich illustriert wie in Moris Freiburghaus‘ liebevollem, gnadenlos ehrlichen Porträt über seinen besten Freund.
Rohes Dokumentarkino, das unter die Haut geht – auch dank seiner lobenswerten Verweigerungshaltung, die Kamera jetzt vielleicht doch mal lieber abzuschalten.
Zurzeit im Kino

#18
«Hamnet»
dir. Chloé Zhao
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell erzählt Chloé Zhao die fiktive Geschichte von William Shakespeare aka Billy Shakes (Paul Mescal), seiner Frau Agnes (Jessie Buckley) und wie die beiden nach einem persönlichen Verlust Zuflucht in der Kunst suchen – und schlussendlich auch finden.
Zhao («Nomadland», «The Rider») macht das auf ihre persönliche, einzigartige – und immer wieder auch eigenartige – Art, die besonders in der ersten Hälfte immer wieder irritiert.
Aber dann bringt die letzte halbe Stunde alle Ideen des Films auf eine so emotional überwältigende Weise zusammen, dass man als Zuschauer:in auch dann nicht böse sein kann, wenn man zwei Stunden später merkt, dass man hier vielleicht gerade einem ziemlich guten Zaubertrick auf den Leim gegangen ist.
D-CH Kinostart: 22. Januar 2026
#17
«Twinless»
dir. James Sweeney
Ab und zu soll ein Film auch einfach ein simples, blosses Hutziehen auslösen.
Weil: James Sweeney, der hier neben der Regie auch die Hauptrolle – zusammen mit einem doppelten Dylan O’Brien – übernimmt, hat für diesen Film, in dem Roman (O’Brien) in einer Selbsthilfegruppe für Menschen, die ihren Zwilling verloren haben, den leicht seltsamen Dennis (Sweeney) kennenlernt, ein köstlich scharfes, witziges und unvorhersehbares Drehbuch geschrieben, dass man – eben – gar nicht anders kann als neidlos den Hut zu ziehen. Die beste Comedy des Jahres?
VOD via iTunes, Blue TV, Sunrise TV etc.
#16
«Zikaden»
dir. Ina Weisse
Ina Weisses «Zikaden» gelingt der meistens zum Scheitern verurteilte Coup, mehrere intime Geschichten über Einzelschicksale zu erzählen und gleichzeitig smarte Sachen über das grosse Ganze zu vermitteln, ohne dass man je das Gefühl bekommt, dass die intimen Geschichten nur da sind, dass man eben irgendetwas über diese grossen Dinge sagen kann.
Isabell (Nina Hoss, wie immer grossartig) pendelt zwischen Stadt und Land und wird weder den Wünschen ihrer pflegebedürftigen Eltern und deren architektonischem Erbe noch der sich in ziemlicher Schieflage befindenden eigenen Ehe gerecht. Gleichzeitig kann sich Anja (Saskia Rosendahl) als alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter mit Gelegenheitsjobs gerade so knapp über Wasser halten. Schliesslich kreuzen sich diese beiden Geschichten.
Ein kluger Film über Stadtflucht, ungewollte familiäre Verpflichtungen, soziale Ungleichheiten, reich, arm … aber eben doch immer auch ein Film über Isabell und Anja.
Und ein schöner Beweis, dass Filme, bei denen die Namen Judith Kaufmann (Kamera) und Hansjörg Weißbrich (Schnitt) im Abspann auftauchen (zuletzt u. a. einzeln oder zusammen bei «Das Lehrerzimmer», «September 5» oder – Spoiler – später in dieser Liste aufgefallen), auch in einem weniger rasanten Erzähltempo daherkommen können.
VOD via Filmingo, Myfilm.ch, Cinu, iTunes etc.

#15
«Blue Heron»
dir. Sophy Romvari
Die Entdeckung von Locarno durfte man auch dieses Jahr wieder nicht im Hauptwettbewerb, sondern in der zweitklassigen «Concorso Cineasti del Presente»-Sektion erleben. (An dieser Stelle ein fragender Blick ans Selektionskomitee.)
Sophy Romvari, eine junge Filmemacherin aus Kanada, verknüpft und verwebt mit «Blue Heron» nicht nur persönliche Erinnerungen über das Aufwachsen mit ihrer Familie – mit besonderem Augenmerk auf ihren älteren Bruder – auf eine dermassen selbstsichere Weise, wie man sie in Debütfilmen nur sehr selten zu sehen bekommt, sie mutet sich dazu auch noch an, Form und Genre auf eine überraschende und sehr aufwühlende Weise zu sprengen.
Auch visuell, sowie mood– und vibe-mässig ein äusserst stimmiges Gesamtpaket. One to watch.
#14
«Silent Friend»
dir. Ildikó Enyedi
Arthouse-Kino über die metaphysische Präsenz von Pflanzen und Bäumen. Bist du schon eingeschlafen, oder nickst du gerade ein?
Und es wäre jetzt auch gelogen, wenn man behaupten würde, dass «Silent Friend», ein Dreiteiler rund um den Alten Botanischen Garten in der Deutschen Universitätsstadt Marburg (die drei Geschichten sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in den 1970er-Jahren, respektive im Jahr 2020 angesiedelt), ein Film wäre, der sich in erster Linie durch das Abkauen von Nägeln oder das Durchschwitzen von T-Shirts auszeichnen würde.
Aber Enyedi gelingt es nicht trotz, sondern wegen dieser meditativen Grundstimmung, in aller Ruhe aufzuzeigen: It’s all connected – von der ersten Biologiestudentin in der Geschichte der Uni bis zum Neurowissenschaftler, der wegen der COVID-Pandemie in der leergefegten Uni praktisch alleine forschen darf.
Und sie punktet mit den ganz simplen Bildern: Tony Leung, der, bekleidet in einer Daunenjacke, durch die leeren Strassen von Marburg streift – die Wong-Kar-Wai-Legende («In the Mood for Love», «Happy Together») plötzlich in einem für ihn so ungewöhnlichen Umfeld zu sehen … es sind genau solche Sachen, an die man sich noch Jahre später erinnern wird.
D-CH Kinostart: 22. Januar 2026.
Vorpremiere am 16. Januar im Riffraff Zürich mit Tony Leung(!!!)
#13
«Dossier 137»
dir. Dominik Moll
Bei den Gelbwestenprotesten 2018 wird ein Demonstrant lebensgefährlich verletzt – vermutlich durch Polizeigewalt. Stéphanie von der Abteilung für interne Ermittlungen nimmt die Sache in die Hand und stösst schon bald auf massiven internen Widerstand.
Klingt nach solidem Durchschnittskrimi, entwickelt sich in den Händen von Dominik Moll, dem Meister des elevierten «Tatorts», der zuletzt auch den hochgelobten Krimi «La Nuit du 12» inszenierte, zu einem packenden, dabei stets nüchtern und realistisch bleibenden Ermittlungsthriller. Eine wahre Freude für Liebhaber:innen präziser Prozessabläufe.

#12
«In die Sonne schauen»
dir. Mascha Schilinski
Wir begleiten vier Frauen aus vier Generationen, die über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren im gleichen Bauernhof in der Altmark leb(t)en. Und auch hier gilt: It’s all connected. Traumata, Gewalt, Erinnerungen, Körper – alles schreitet gewissermassen im Gleichschritt.
«In die Sonne schauen» ist ein zäher, aber vielschichtiger Brocken. Die idiosynkratische, poetische Bild- und Tonsprache lullt ein, und auch mit der besten Gabel hat man das Gefühl, hier nicht mal annähernd bis zum Boden dieser mehrlagigen Lasagne vorzudringen, sondern nur den Käse oben weggekratzt zu haben.
Kein anderer Film dieses Jahres vermittelte so stark das Gefühl, der durchdachten Realisation der Regisseurin ausgeliefert zu sein – und genau das macht den Reiz dieses Films so prickelnd.
Auf VOD ab dem 29. Januar 2026
#11
«Roofman»
dir. Derek Cianfrance
Jeffrey Manchester (Channing Tatum) bricht aus dem Gefängnis aus und versteckt sich mehrere Wochen lang in einer benachbarten Toys’R’Us-Filiale. Nachdem er den Laden mit Videokameras ausgestattet hat, fällt ihm irgendwann die liebenswerte Leigh (Kirsten Dunst) auf – und er beginnt, sein Versteck zu verlassen. Eine wahre Geschichte.
Zuerst denkt man: irgendwie süss, sogar romantisch – doch das wäre ja nicht ein Film von Derek Cianfrance («Blue Valentine», «The Place Beyond the Pines»), wenn nicht früher oder später deutlich würde, dass diese Geschichte eigentlich überhaupt nicht romantisch ist. Stattdessen zeigt sie Menschen, die durch die Abgründe des Late-Stage-Kapitalismus zu ausserordentlichen Massnahmen gezwungen werden.
Hervorragend gespielt, brillant erzählt, fröhlich und traurig zugleich. Das Genre des Mid-Budget-Hollywood-Films, das von Stars und Mitten-aus-dem-Leben-Geschichten lebt, mag zwar in seinen letzten Atemzügen liegen, doch noch immer steckt ein Funken Leben in ihm.
D-CH Kinostart: 8. Januar 2026
#10
«Heldin»
dir. Petra Volpe
Leonie Benesch getting stressed the fuck out, die Dritte. Nach dem Lehrerzimmer («Das Lehrerzimmer», 2023) und dem Regieraum eines TV-Senders während einer Terrorattacke («September 5») muss Benesch dieses Mal während einer einzigen Nachtschicht durchs Spital hetzen. «Wir sind heute leider nur zu zweit»: viele Patient:innen, kaum Personal. Die Not im Gesundheitswesen wird hier auf maximal emphatische und empathische Weise illustriert.
So gut, dass man sogar das kurze Wegschauen während der Uhren-Plotline und die unnötigen Endtafeln am Schluss (Wir hätten es imfall auch so verstanden!) locker verkraftet.
Streamen auf Netflix. VOD via Cinefile, Myfilm.ch, Cinu, iTunes, Blue TV etc.
#9
«Sirāt»
dir. Oliver Laxe
Auf der Suche nach seiner verschollenen Tochter besuchen Luis (Sergi López) und sein 12-jähriger Sohn Esteban einen illegalen Rave in der Wüste Marokkos. Der Beginn eines alles andere als wunderbaren Roadmovies, der von Minute zu Minute tiefer in den Keller führt.
Die wummernden Bässe, die elend einsamen Wüstenlandschaften, die generelle Hilflosigkeit: Eines der audiovisuellen Filmerlebnisse des Jahres. Prädikat Hardcore – vorausgesetzt, man kann der zutiefst nihilistischen Weltanschauung, die dieser Geschichte zugrunde liegt, etwas abgewinnen.
VOD via Filmingo, Cinefile, Myfilm.ch, Cinu, iTunes, Blue TV, Sunrise TV etc.

#8
«Sinners»
dir. Ryan Coogler
Blockbuster-Lichtblick, die Erste. Im Mississippi der 1930er-Jahre eröffnen die Smokestack-Zwillinge (Michael B. Jordan & Michael B. Jordan) eine Kneipe. Doch bereits am Eröffnungsabend tauchen unerwünschte Gäst:innen auf, welche die Party auf ihre ganz eigene Weise crashen.
Aber «Sinners» stünde nicht auf dieser Liste, wenn es nur einfach grandios unterhaltsames Action-Kino wäre. Der Film nutzt den Flirt mit den übersinnlichen Kräften, die hier ebenfalls mit am Werk sind, um die Unterhaltung mit Tiefgang auszupendeln: Unter- und überschwelliger Rassismus, die Geschichte des Blues und dessen Eigentümerschaft – hier steckt jede Menge drin. Ryan Coogler («Black Panther», «Creed») löst seinen Blankoscheck auf die bestmögliche Weise ein.
Beinhaltet ausserdem die wohl beste Szene des ganzen Filmjahres. Chills.
Streamen via Sky Show. VOD via iTunes, Blue TV etc.
#7
«The Perfect Neighbor»
dir. Geeta Gandbhir
Am 2. Juni 2023 erschiesst Susan Lorincz ihre Nachbarin Ajike Owens, Mutter von vier jungen Kindern. Lorincz behauptet, sie habe aus Notwehr gehandelt.
Ob diese Behauptung tatsächlich stimmt, wird im wohl besten Dokumentarfilm des Jahres rekonstruiert. Wobei rekonstruiert eigentlich das falsche Wort ist – der Film setzt ausschliesslich auf Polizei-Bodycam- und Überwachungskamera-Aufnahmen. Keine Interviews, keine Reenactments, keine üblichen True-Crime-Gimmicks.
Wer den formellen Disclaimer am Anfang liest und denkt Ugh, klingt anstrengend – kann das wirklich funktionieren?, wird hier ziemlich bald eines Besseren belehrt … und bleibt dann wohl auch bis zum letzten Moment dieses minutiösen Aufrollens dran. Denn ob Lorincz wirklich schuldig war, erfährt man erst während des Abspanns.
Streamen via Netflix.
#6
«One Battle After Another»
dir. Paul Thomas Anderson
Bob Ferguson aka «Ghetto Pat» (Leonardo DiCaprio), früher Revoluzzer, heute Father-of-a-Daughter, wird von seiner Vergangenheit eingeholt: Einst befreite er zusammen mit der Aktivist:innengruppe «French 75» Menschen aus Asylzentren, heute kümmert er sich um seine Tochter, Teil einer nächsten Generation, die Widerstand auf ihre ganz eigene Weise interpretiert.
Blockbuster-Lichtblick, die Zweite: Auch Paul Thomas Anderson entschied sich, aus seinem ersten grossen Studio-Scheck, den er für seinen zehnten Langspielfilm erhielt, das Maximum herauszuholen – und die goldenen Mitten zu finden: zwischen maximaler Unterhaltung und Tiefgang, zwischen brandaktuellen gesellschaftlichen Spannungen und rasanter Action, zwischen rechtsextremen Fanatikern mit absurdem Verhaltenskodex, ohne jemals ihre reale Bedrohung zu verharmlosen.
Und auch hier glänzt der Film nicht nur im grossen Ganzen, sondern in den einzelnen Momenten, die hängenbleiben: eine Verfolgungsjagd über eine hügelige Landstrasse, Sean Penns Gang, Sean Penns Frisur, Mexican Hairless, Sensei Benicio del Toro … ¡Viva la Revolución!
VOD via iTunes, Blue TV etc.

#5
«Die My Love»
dir. Lynne Ramsay
Jennifer Lawrence und Robert Pattinson vereint – und trotzdem dürften all jene, die gehofft haben, ihre Katniss Everdeen meets Edward Cullen-Fanfiction endlich auf der Leinwand Wirklichkeit werden zu sehen, an der Kinokasse vom Rückgaberecht Gebrauch machen.
Turns out: Lynne Ramsay («Morvern Callar», «We Need to Talk About Kevin») hat wieder einen waschechten Lynne-Ramsay-Film gemacht. Ein abrasiver, zutiefst unbequemer Film über eine mögliche postpartale Depression, über verpeilte Dudes, die nicht zuhören wollen, über eine Frau, die schlicht und einfach die Schnauze voll hat. Umwerfend gespielt (allen voran Lawrence), kompromisslos umgesetzt, mit dem vielleicht besten Songeinsatz des Jahres. I love Lynne Ramsay.
Zurzeit im Kino
#4
«Sorry, Baby»
dir. Eva Victor
Der auf dem Papier vielleicht unmöglichste Film des Jahres: Eva Victor kombiniert einen sexuellen Übergriff … mit schwarzem Humor.
Immer wieder werden Szenen und Gespräche, in denen offensichtlich ganz schlimme Dinge verhandelt werden, von absurden Beobachtungen und spitzfindigen Bemerkungen unterbrochen, kurzzeitig entwaffnet. Denn das Leben geht weiter.
Ein Balanceakt, der eigentlich nicht funktionieren kann – und es trotzdem tut. Beeindruckend, tollkühn selbstsicher, in vollem Umfang verwirklicht. Aber eben nur, weil hier eine Person am Werk ist, die sich zu jeder Sekunde über den Tonfall ihres Werks im Klaren ist. Der beste Debütfilm des Jahres. Und Eva Victor ist erst 31 Jahre alt. Ich kann kaum erwarten, was Eva als Nächstes machen wird.
VOD via Myfilm.ch, Cinu, iTunes, Sunrise TV etc.
#3
«28 Years Later»
dir. Danny Boyle
Das Konzept des Films als trojanisches Pferd gehört zu meinen liebsten wiederkehrenden Kunststückchen in der langen Geschichte des Kinos. Danny Boyle («Trainspotting», «Slumdog Millionaire», «127 Hours») kehrt nach mehreren kommerziell wie inhaltlich eher mässigen Arbeiten zurück in den vermeintlich sicheren Hafen jener Franchise, die er vor über zwanzig Jahren mitbegründet hat – nur um dort alles gründlich auf den Kopf zu stellen.
Ja, «28 Years Later» ist ein Zombiefilm. Aber «28 Years Later» ist eben auch ein Film über Grossbritannien nach dem Brexit. «28 Years Later» ist ein Film über ein Land, das sich weigert zu akzeptieren, dass eine einstige Weltmacht in die Irrelevanz abgerutscht ist. Und dann wird «28 Years Later» auch noch zu einer triumphalen, überraschend berührenden Meditation über Verlust und Trauer. Boyle und Drehbuchautor Alex Garland («Civil War», «Ex Machina») schlagen hier alle Fliegen mit einer einzigen Klappe.
Und dann sind da ja auch noch die Bilder: Gedreht auf iPhones, mit einem satten, giftigen Grün, wie man es in der abgestandenen beige-braunen Colorgrading-Sauce zeitgenössischer Franchise-Ware seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Und die Filmmusik der Young Fathers, meine Güte. What a Movie!
Streamen via Netflix. VoD via iTunes, Blue TV, Sunrise TV etc.
#2
«Train Dreams»
dir. Clint Bentley
Social Media hat die Welt kleiner gemacht – und vielen eine Stimme gegeben, die zuvor nie gehört wurden. Mittlerweile sind die Stimmen jedoch derart zahlreich, dass es fast unmöglich geworden ist, überhaupt noch aufzufallen. Ausser man ist besonders laut oder stellt sich demonstrativ quer. Alle haben ein Mikrophon, niemand hört zu, und wir verbringen viel zu viel Zeit damit, verzweifelt nach Anzeichen zu suchen, dass wenigstens jemand zugehört hat.
«Train Dreams» ist der radikale Gegenentwurf dazu. Clint Bentleys Film – notabene lange vor der Erfindung von Social Media spielend – erzählt die Lebensgeschichte eines Holzfällers im pazifischen Nordwesten der USA. Es ist die Geschichte einer Person, deren Stimme eigentlich nie wirklich gehört wurde und die mit dem vollen Bewusstsein lebt, für den Lauf der Dinge völlig unbedeutend zu sein. Robert Grainier (Joel Edgerton) gehört nirgends dazu, ist ein vernachlässigbarer Wimpernschlag in der Geschichte der Menschheit, hinterlässt nichts – und findet trotzdem (oder gerade deswegen?) seinen Frieden.
Poetisch, aber nie übermässig sentimental, getragen von einer bodenständigen, naturverbundenen Bildsprache, ist «Train Dreams» eine Liebeserklärung an die Schönheit des Unbedeutenden, des Banalen – und zugleich ein unerwarteter Hoffnungsschimmer dafür, dass das unabhängige US-Kino auch im Streaming-Zeitalter weiterhin seinen Platz hat.
Als sich Netflix Anfang Jahr am «Sundance Film Festival» die Rechte am Film sicherte, habe ich mich gewundert (und geärgert), warum ausgerechnet dieser Film – einer, der seine volle Wirkung eigentlich nur auf der grossen Leinwand entfalten kann – auf einer Streamingplattform landen sollte. Erinnerungen an Filme wie «Passing» oder «The Wonder» wurden wach: vergleichbare Produktionen, die so schnell im Streaming-Nirvana verschwanden, wie sie auf die Plattform geladen wurden.
Doch das Gegenteil ist passiert. Social Media ist voller positiver Reaktionen, der Film gehört zu den wenigen, die tatsächlich gehört wurden – und darf sich inzwischen sogar ernsthafte Hoffnungen auf die eine oder andere Oscar-Nominierung machen.
Streamen via Netflix

#1
«Sentimental Value»
dir. Joachim Trier
Der in die Jahre gekommene Regisseur Gustav Borg (Stellan Skarsgård) möchte seinen letzten Film drehen. Dafür will er seine Tochter Nora (Renate Reinsve) in der Hauptrolle. Aber Nora will nicht. Also engagiert Gustav eine Hollywood-Schauspielerin (Elle Fanning) – sehr zum Missfallen von Nora und ihrer Schwester Agnes. So weit, so gut.
Doch «Sentimental Value» bietet weit mehr als nur seine Story: Es ist das üppigste Film-Buffet des Jahres. Ein Film über den Zusammenhalt zwischen Schwestern. Über abwesende Väter. Über ein Haus, in das wir alle sofort einziehen würden – und dann doch wieder nicht, denn der eröffnende Monolog macht klar: Es ist sinn- und zwecklos, einem Haufen Bretter und Steine eine Persönlichkeit zuschreiben zu wollen.
Joachim Triers neuestes – und vielleicht bestes – Werk steht im direkten Dialog mit seinem letzten Film «The Worst Person in the World». Dort driftete Julie ohne Plan durchs Leben. Hier ist es Nora, die genau weiss, was sie will – und trotzdem nicht auf sich hört. Liefert dieses Drehbuch insgeheim eine Antwort darauf, warum Menschen weiterhin mit Woody Allen oder Roman Polanski Filme drehen wollen? Vielleicht.
«Sentimental Value» ist ein Film von solcher Reichhaltigkeit, dass selbst beim x-ten Durchgang immer wieder neue Perspektiven auftauchen. Hoffen wir auf ein Happy End – oder realisieren wir zu spät, dass dieses Happy End bloss eine unglückliche Zweckgemeinschaft zweier Menschen wäre, die das Stillen ihrer künstlerischen Ader stets über das persönliche Wohl stellen?
Doch so reich der Film an Inhalt ist, er würde wahrscheinlich auch ohne Story wirken. Wegen der Bilder. Der Knitwear der Figuren. Und weil das zentrale Trio so vielschichtig und detailliert gezeichnet ist, dass ein grosser Teil ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen wortlos, allein durch Blicke vermittelt wird.
Wie oft schaut Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas – ich schwanke hin und her, welches die beste Performance des Films ist, momentan tendiere ich zu ihr) ihre Schwester und ihren Vater mit diesem wortlosen This Shit Again-Blick an, weil kein Verhaltensmuster sie überraschen kann? Und wir? Wir kennen die drei erst seit zwei Stunden – und doch vermittelt uns Regie und Drehbuch das Gefühl, als hätten wir sie bereits ein ganzes Leben lang beobachtet. Joachim Trier just gets it.
3 Anworten auf „Die 20 besten Filme 2025“
Salve Luca – sehr cool, deine Liste. Hab mich durch deine Top20 durchgeackert und werde mir einige deiner Entdeckungen und Trouvailles ansehen. Merci vielmols für die Tipps.
Gruess
🙏
[…] Best-Of-Listen, die ich empfehlen kann: Michael Bohli, Max Borg, Yannick Bracher, Sascha Brittner, Luca Bruno, Cathy, Andri Erdin, Stefan Gianferrari, Ewan Graf, Reto Hochstrasser, Cornelia Hüsser, Oswald […]