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Best of 2021 Bestenlisten Musik

Die 20 besten Alben 2021

Die beste Musik des Jahres, Vol. II: die besten Alben 2021

Ich hätte vor exakt 12 Monaten wirklich nicht damit gerechnet, dass ich hier schon wieder die musikalische Zusammenfassung eines Coronajahrs abliefern muss… aber hey: Here we are.

Immerhin: die Musik war trotz allem hervorragend. Es folgt die allerbeste – oder zumindest: die 20 besten Alben 2021.

20. Eris Drew: Quivering in Time [T4T LUV NRG]

Die besten Alben 2021: Eris Drew «Quivering in Time»

Ein House- und Rave-Album, welches auch den Blick zurück nicht scheut.

In Zeiten, in denen Clubs noch immer nicht wirklich auf Normaltemperatur operieren dürfen und ständig Angst davor haben müssen, dass man ihnen vom einen auf den anderen Tag – mit zum Teil absurden, unüberlegten Vorschriften – wieder in den Lebensunterhalt reingrätscht, macht es als Hörer:in ja durchaus Sinn, sich auf «die guten alten Zeiten» zurückzubesinnen.

Wie bei ihren DJ-Sets üblich – erinnere mich da gerne an eine äusserst heiter und fidele B2B-Session zwischen ihr und ihrer (Lebensabschnitts–?)Partnerin Octo Octa am Primavera Sound in Barcelona (remember Festivals, LOL!) – mit «Rewinds» und Samples, die schon so lange in Gebrauch sind, dass sie weder als «abgehalftert» oder «zu Tode gespielt», sondern schon wieder als «liebevolles Tribut an die Anfänge des Genres» durchgehen.

Das klappt auch auf dem Album – und nirgendwo so gut wie auf «Ride Free», wo nicht nur Lyn Collins› «Think (About it)» zitiert wird, sondern plötzlich auch Peter Fondas Rede aus «The Wild Angels» auftaucht. Ja, die aus «Loaded» von Primal Scream.

Highlights: «Ride Free» • «Quivering in Time» • «Sensation»

19. Emile Mosseri: Minari: Original Motion Picture Soundtrack [Sony]

Die besten Alben 2021: Emile Mosseri

Trotz meiner grossen Liebe zum Kino höre ich sehr selten Filmscores. Also, klar, ich finde «Time» von Hans Zimmer auch geil, aber in welchen Situationen müsste ich das privat hören? (Ich könnte mich ja sowieso nicht wirklich darauf konzentrieren, weil mich der ständig drehende Kreisel auf meinem Küchentisch ablenken würde.)

Anyway: Keine Regel ohne Ausnahme. Und die heisst: Emile Mosseri. Neben Nicholas Britell der zurzeit vielleicht beste Filmkomponist. Und die Filmmusik zu «Minari» – ein Film der meine letztjährige Bestenliste nur verpasst hat, weil ich ihn nicht vor dem 31.12. gesehen habe – ist sein bisher bestes Werk. Nostalgisch angehauchte Piano-Kompositionen, die den «Mood» des Films auch nach ausserhalb transportieren.

Highlights: «Big Country» • «Intro» • «Paul’s Antiphony» • «Jacob’s Prayer» • «Jacob and the Stone»

18. Ducks Ltd.: Modern Fiction [Carpark]

Das zweitbeste «klassische» Indie-Pop-Album des Jahres, das durchaus auch in der Skinny-Jeans-Ära 2005–08 gut funktioniert hätte. Tolle Melodien, gute Songs, kuriose Geschichte zum Bandnamen: die Band hiess vor zwei Jahren noch «Ducks Unlimited» – bis man wohl gemerkt hat, dass die Welt-Enten-Bestände anscheinend doch nicht so unlimitiert sind, wie man immer gemeint hat.

Highlights: «Under the Rolling Moon» • «Always There» • «How Lonely Are You?» • «18 Cigarettes»

17. Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra: Promises [Luaka Bop]

Schon vor Jahren habe ich mich beim Durchstörbern der Nominierungslisten für die Grammys (die ich hier nun absichtlich nicht verlinke, weil diese Preisverleihung wirklich massiv irrelevant ist) immer wieder gewundert, wieso in den Hauptkategorien jedes Jahr ein «Quoten-Jazzalbum» auftaucht.

«Das machen die nur, um vorzugaukeln, dass sie wirklich alle Musikgenres auf dem Schirm haben, oder?», dachte ich mir damals. Mittlerweile verstehe ich den Nominierungsprozess ein bisschen besser (again: ich möchte nicht weiter darauf eingehen) und weiss, dass diese Quoten-Jazzalben aus ganz anderen Gründen dort auftauchen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, dieses Jahr habe auch ICH ein Quoten-Jazzalbum in meiner Liste! So tief bin ich gesunken.

Selbstverständlich kann ich nichts Kritisches zum Inhalt dieses Album beisteuern, ich habe es schlicht und einfach aufgrund der vielen herausragenden Kritiken anderenorts entdeckt und mich – nach langem Zögern – entschieden, reinzuhören – und war dann sofort ziemlich angetan von der Unkompliziertheit dieses Albums.

Wer sich an Olympischen Spielen schon einmal Synchron-Turmspringen angeschaut und sich darüber gewundert hat, wie das überhaupt möglich ist («Meine Augen sehen zwei Menschen, die synchron einen Sprungturm herabspringen – und trotzdem macht es rational keinen Sinn, dass es funktioniert»), kommt bei diesem Album ähnlich fest ins Staunen: das wiederkehrende Motiv von Floating Points, welches praktisch jeden Trackäh, jedes Movement von Neuem eröffnet und die Improvisationen von Sanders, passen dermassen gut und organisch zueinander, es ist mir ein wahres Rätsel, wie man so eine Platte planen und umsetzen kann. Aber es funktioniert.

Highlights: «Movement 1» • «Movement 6» • «Movement 2»

16. Massage: Still Life [Mt. St. Mtn./Tear Jerk/Bobo Integral]

So, hier jetzt das «Indie Pop»-Album des Jahres… zu dem ich etwa ähnlich viel zu sagen habe, wie zu Ducks Ltd. zwei Plätze weiter oben: Gute Melodien, spassige Songs, jangly Gitarren, blabla.

Ah, aber etwas zum Bandnamen habe ich auch hier. Sagt man jetzt Mass-aahsch (so französisch) oder Massätsch (so wie Message einfach mit A)? Wer es weiss, bitte unten kommentieren.

Highlights: «Half a Feeling» • «Made of Moods» • «I Come Running» • «Sticks & Stones»

15. Dean Wareham: I Have Nothing to Say to the Mayor of L.A. [Double Feature]

Vor Jahren habe ich Dean Wareham am Primavera Sound gesehen (ich habe in meinem Leben auch andere Festivals besucht, ich schwöre!) – nicht mit eigenen Songs, dafür ausschliesslich mit Songs von Galaxie 500, seiner ersten «grossen» Band. Legendär. Und tolles Konzert.

Ziemlich schnell (oder gleichzeitig? oder sogar früher?) habe ich mich dann auch in die anderen Kapitel seines Backkatalogs verliebt: die tolle Band Luna, für dessen Vinyl-Reissue-Boxset ich vor ein paar Jahren ein halbes Vermögen plus Zollgebühren ausgegeben habe, sowie seine beiden Platten mit seiner jetzigen Frau Britta Phillips (die selbst übrigens auch ganz hervorragende Solomusik macht).

Aber weil ja schon Tony Soprano «Remember when… is the lowest form of conversation» zu pflegen sagte, möchte ich jetzt gar nicht mehr länger in Erinnerungen schwelgen, sondern erfreut mitteilen, dass Wareham auch mit über 30 Musikjahren auf dem Buckel noch immer exzellente Alben veröffentlicht. «I Have Nothing to Say to the Mayor of L.A.» (guter Titel) klingt so, als ob er seine ohnehin schon raffinierten Songs kurz vor Veröffentlichung nochmals durch ein feines Sieb passieren liess. Sublime.

Highlights: «Under Skys» • «The Last Word» • «Cashing In» • «Why Are We in Vietnam?»

14. Rodrigo Amarante: Drama [Polyvinyl]

Der Mann vom «Narcos»-Theme und dem besten Strokes-Nebenprojekt hat hier – nach einer ungewohnt langen Pause – sein bislang bestes Soloalbum veröffentlicht: irgendwo zwischen europäischer Singer-/Songwriter-Kunst und der Bossa Nova-Tradition seiner Heimat Brasilien. Tolle Streicher im Intro und auf «Tanto».

Highlights: «Tango» • «Maré» • «Drama» • «Tanto» • «Tara»

13. Still Corners: The Last Exit [Wrecking Light]

Alben, die im Januar erschienen, geniessen einen seltsamen Status in der Jahresendabrechnung.

Da gäbe es zum einen: Riesenwürfe, die einen das ganze Jahr durch begleiten («Merriweather Post Pavilion», «Contra», «The Unseen in Between»). Und auf der anderen Seite: Alben, in die man nur vertieft reinhört, weil der Januar üblicherweise ein ziemlich spärlich besiedelter Releasemonat ist – und man nie die Erwartung hat, dass sich diese Alben bis zum Jahresende halten.

«The Last Exit», das – wenn ich mich richtig besinne – fünfte Album dieses Dream Pop-Duos, welches kurioserweise aus London und nicht aus Arizona oder New Mexico kommt, hat mich jedes Mal, wenn ich diese Platte alle paar Wochen wieder aufgelegt habe, aufs Neue überzeugt: staubiger Road Movie-Soundtrack für einsame Landstrassen.

Highlights: «Crying» • «White Sands» • «The Last Exit» • «It’s Voodoo» • «A Kiss Before Dying»

12. Arab Strap: As Days Get Dark [Rock Action]

Sechzehn Jahre ist es her, seit Arab Strap ihr letztes Album veröffentlicht haben – und es hat sechzehn Jahre gebraucht, um zu merken, dass es ab und zu einfach zwei griesgrämige Schotten braucht, die uns den Mittelfinger zeigen. (Aber eben nicht direkt ins Gesicht, sondern mehr so vom anderen Ende der Bar.)

Fängt mit der bestmöglichen Zeile an, mit der ein Comeback-Album anfangen kann («I don’t give a fuck about the past / our glory days gone by»), später wird über den traurigen Zustand von Pornos im Internet sinniert («And it’s all stepmoms and stepsisters now / what the fuck’s all that about?»), endet mit einem bitterbösen Kommentar zur Migrationspolitik Grossbritanniens – und wie beschämend diese in den Medien abgebildet wird («And the daily papers found their plight and presence most concerning / their headlines screamed: ‹Enough’s enough, we’re overcome with vermin›»).

So wichtig, dass diese Band wieder da ist.

Highlights: «Fable of the Urban Fox» • «The Turning of Our Bones» • «Compersion, Pt. 1» • «Kebabylon»

11. Wild Pink: A Billion Little Lights [Royal Mountain]

Zehn Songs hat’s auf dieser Platte, ganze sechs davon habe ich in die Highlights genommen – und es hätten auch gut sieben oder acht sein können. Ein Zeichen dafür, dass diese Platte vielleicht ein bisschen höher in diesem Ranking sein müsste…

John Ross hat hier mal wieder eine wunderschöne Platte voller Hoffnung und Freiheit aufgenommen, die stellenweise sogar – und das ist jetzt kein Diss – an die besten Zeiten von… Coldplay??… erinnert. Doch, wirklich. Die gleichen Drum-Patterns wie in «Clocks»… eine ähnliche Euphoriewelle wie bei «Yellow»… und das alles ohne blinkende Armbänder.

Highlights: «You Can Have It Back» • «Family Friends» • «The Shining But Tropical» • «The Wind Was Like a Train» • «Oversharers Anonymous» • «Die Outside»

10. Lost Girls: Menneskekollektivet [Smalltown Supersound]

Jenny Hvals letztes Soloalbum platzierte sich unter meinen zehn liebsten Alben des Jahres und bereits 2015 gehörte ihr Song «The Battle Is Over» zu meinen drei liebsten Tracks des Jahres.

Und ihr Konzeptalbum über die Menstruation («Blood Bitch», 2016) war auch on heavy Rotation bei mir, darum müsste ich mir langsam aber sicher eingestehen, dass die norwegische Musikerin wohl zu meinen Lieblingskünstlerinnen gehört?

Zumal sie jetzt sogar mit ihrem Seitenprojekt, welches auf Papier einen noch unzugänglicheren Ersteindruck hinterlässt wie ihr Solowerk (Sechs Tracks, zwei davon über zehn Minuten lang), zu meinen meistgehörten Platten des Jahres gehört.

Hval operiert auch hier wieder an der ach so hochspannenden Grenze zwischen Popmusik und experimentellen Ambient- und Techno-Ausflügen. Faszinierend unfassbar und doch irgendwie eingängig. Der Soundtrack für lange Zugfahrten – aber nur, wenn man irgendwo hinfährt, wo man eigentlich gar nicht hinwill.

Highlights: «Real Life» • «Menneskekollektivet» • «Carries by Invisible Bodies»

9. Ja, Panik: Die Gruppe [Bureau B]

Sieben Jahre und einige sehr uninteressante Andreas Spechtl-Soloalben später, liefern Ja, Panik endlich den Nachfolger zu *checkt Notizen* MEINEM ALBUM DES JAHRES 2014?! *record scratch*

Dass Spechtl in der Zwischenzeit sämtlicher Musik auf dem hörbaren Spektrum den Rücken zukehrte, hat mich gezwungenermassen ziemlich nervös gemacht – und auch wenn sich die Band auf der A-Seite von «Die Gruppe» (oder heisst das Album jetzt «Die Gruppe Ja, Panik»?!? Wann kommt endlich die offizielle Ansage?) so sperrig und zerfahren zeigt, wie nie zuvor, packen sie dann in der zweiten Hälfte die grossen Songs mit diesen verführerisch parolen- und rätselhaften Texten («Thе only cure from capitalism… is more… more more… more capitalism») im Denglisch-Kauderwelsch aus.

Unter dem Strich vielleicht nicht so gut wie «Libertatia», aber immer noch verdammt gut.

Highlights: «The Cure» • «On Livestream» • «Backup» • «Apocalypse or Revolution»

8. Helado Negro : Far In [4AD]

Gut möglich, dass es hier auch ein paar Tracks weniger getan hätten, aber die Höhepunkte von Robert Carlos Langes siebtem Album sind so Mount-Everest-hoch, dass es in den Zeiten von 180g-Doppelvinyl gar nicht so eine Rolle spielt, wenn hier vor allem die A- und B-Seite regelmässig in der Rotation sind – während die C- und D-Seite im Regal verstaubt.

Auf «Far In» zeigt sich Lange weniger politisch, dafür umso verliebter – sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Und wer sich so offensichtlich vor Arthur Russell verneigt wie Helado Negro bei «Outside the Outside» gehört sowieso zum Kreis der Guten.

Highlights: «Outside the Outside» • «Gemini and Leo» • «La Naranja» • «There Must Be a Song Like You»

7. The War on Drugs: I Don’t Live Here Anymore [Atlantic]

Dass Adam Granduciel seinen Erstgeborenen tatsächlich BRUCE getauft hat, bleibt für mich der schockierendste Indie-Gossip, den ich dieses Jahr erfahren habe.

Ich meine, wenn man sich mit seiner Musik dermassen fest beim Œuvre vom «Boss» orientiert, und dann sogar noch sein Kind nach ihm benennt, ist das dann frech, oder einfach nur konsequent?

Auf alle Fälle: auch Sehnsuchtsalbum #5 dieser Band ist wieder wie gemacht für die grossen Hallen – falls die dann je wieder geöffnet werden.

Interessant übrigens auch der Opener «Living Proof»: eine untypische Akustiknummer, die sich eigentlich überhaupt nicht als Eröffnungstrack eines Albums eignet, geschweige denn als erste (!) Single, wie das hier der Fall war – und trotzdem funktioniert der Track im Kontext des Albums so viel besser als alleinstehend. Ein wunderbares «Mission Statement» gleich zu Beginn.

Highlights: «Harmonia’s Dream» • «I Don’t Live Here Anymore» (feat. Lucius) • «Change» • «Living Proof» • «Occasional Rain»

6. Little Simz: Sometimes I Might Be Introvert [Age 101]

Die 20 besten Alben 2021: Little Simz

Das beste und abwechslungsreichste Hip-Hop-Album des Jahres. Herrlich verspielt mit hochgepitchten Samples, die jeden Fan von Kanyes Frühwerk glücklich machen dürften, bis zu groovy Afrobeat-Nummern mit Obongjayar.

Ein Album wie ein Comicheft, in welchem jede Seite von einer:einem andere:n Zeichner:in gestaltet wurde – und trotzdem wird eine kohärente Geschichte erzählt. Maximal facettenreich.

Highlights: «Two Worlds Apart» • «Woman» (feat. Cleo Sol) • «I Love You, I Hate You» • «Point and Kill» (feat. Obongjayar) • «Miss Understood»

5. Limiñanas / Garnier: De Película [Because]

Die 20 besten Alben 2021: The Liminanas / Laurent Garnier

Vor ein paar Jahren – damals noch ohne Laurent Garnier (regelmässig muss ich hier übrigens nachschauen: Nein, es ist nicht der Besitzer dieser Shampoo-Marke) – lieferten die Limiñanas mit «Istanbul is Sleepy» einen Überhit ab, jetzt kommt die konsequente Weiterentwicklung tiefer Richtung Krautrocks: angenehm unaufhörlich und immer weiter treibend.

Highlights: «Saul» • «Je rentrais par le bois … BB» • «Juliette dans la caravane» • «Steeplechase»

4. Arlo Parks: Collapsed in Sunbeams [Transgressive]

Die 20 besten Alben 2021: Arlo Parks

Arlo Parks schreibt perfekte Popsongs – und garniert diese jeweils mit einer fiesen (Zitat Sounds-Homie Andi Rohrer) Indie-Gitarre. Eines der stilsichersten Debütalben der jüngeren Vergangenheit. Jeder Song ein Hit.

Wenn das wirklich Kleiderladen-Hintergrundmusik ist, wie manch ein:e Kritiker:in diesem Album vorwirft, bestelle ich ab sofort nie wieder bei Zalando.

Highlights: «Caroline» • «Too Good» • «Green Eyes» • «Hurt» • «Black Dog» • «Portra 400»

3. The Weather Station: Ignorance [Fat Possum]

Die 20 besten Alben 2021: The Weather Station

Immer wieder toll, wenn Musiker:innen von Album zu Album immer wie besser werden. Anstatt für den Rest ihrer Karriere Akustikalbum um Akustikalbum aufzunehmen, hat sich Tamara Lindeman schon mit ihrem letzten Album dazu entschieden, eine ganze Band zu engagieren – und erreicht mit «Ignorance» nun zum ersten Mal ihr vollständiges Potential.

Ein unglaublich warm, breit gefächert und voluminös produziertes Album, welches regelmässig auf eines der schönsten Stilmittel der Popmusik zurückgreift: die Repetition.

«If loss is loss, is loss, is loss» (aus – you guessed it – «Loss»): die vielleicht schönste Textstelle des Musikjahrs.

Highlights: «Loss» • «Parking Lot» • «Robber» • «Separated» • «Atlantic» • «Tried to Tell You»

2. Sophia Kennedy: Monsters [City Slang]

Die 20 besten Alben 2021: Sophia Kennedy «Monsters»

Kauzig, kurios, eigentümlich, verquer, schrullig: es sind viele Wörter mit denen man Sophia Kennedy und ihre Musik passend umschreiben könnte, am besten passt jedoch: einzigartig.

Denn die Hamburgerin erfindet auf ihrem zweiten Album zwar keine neuen Räder, weil sie jedoch mit einer dermassen spannenden Stimmlage gesegnet ist – und mit Hamburger-Schule-OG Mense Reents den passenden Musikpartner gefunden hat – kreiert sie massenhaft ungehörte Oasen inmitten des weiten Meers des bereits Gehörten. Auch beim zehnten Durchgang entdeckt man noch Neues.

Highlights: «Loop» • «Up» • «I’m Looking Up» • «Seventeen» • «I Can See You» • «Orange Tic Tac»

1. Low: HEY WHAT [Sub Pop]

Die 20 besten Alben 2021: Low «HEY WHAT»

Dass man als «musikinteressierte» Person, die jährlich hunderte von neuen Alben unter die Finger bekommt, «etwas wirklich Neues» zu hören bekommt, passiert ja eher selten. Eigentlich fast nie. (Das soll jetzt keine weitschweifende Kritik an der zeitgenössischen Popmusik sein, sondern ist die logische Konsequenz davon, wenn seit über 60 Jahren ein ähnliches Feld mit den ähnlichen Instrumenten beackert wird.)

Nun, mit ihrem letzten Album «Double Negative» (2018) hat die Band Low tatsächlich «etwas neues» geboten. Elf (!) Alben lang haben Low die analogste Musik gemacht, die man sich vorstellen kann, haben meistens nur mit Stimmen und sehr dezenter Instrumentierung gearbeitet. Dann haben Alan Sparhawk und Mimi Parker dank ihrem Produzenten BJ Burton plötzlich digitale Verzerr-Effekte für sich entdeckt – und so ihren Sound für ihr zwölftes Album vom einen auf den anderen Tag von Grund auf umgekrempelt.

Als ich – seit Jahren grosser Low-Fan ist (eine der besten Live-Bands überhaupt!) – «Double Negative» zum ersten Mal gehört habe, fiel meine erste Reaktion allerdings eher so aus…

…und ich habe bis zum Jahresende nie wirklich Zugang zu diesem Album gefunden, das dank seiner vielen Störgeräusche stellenweise so klingt, als ob jemand vergessen hat, einen Kopfhörer richtig einzustecken.

«HEY WHAT», welches ein ziemlich ähnliches musikalisches Konzept verfolgt, hat nun sofort funktioniert. Vielleicht waren es ja die dystopischen Umstände der Gegenwart, zu welcher die «neue» Musik von Low einfach besser passt als noch vor drei Jahren.

Ein Album, das vom Hörenden einiges abverlangt – dafür aber auch viel zurückgibt. Vom Opener «White Horses», der so klingt als ob jetzt gleich Eminem die «8 Mile»-Freestyle-Bühne betreten wird, bis zum Closer «The Price You Pay (It Must Be Wearing Off)», der einen mit den vernichtenden Zeilen «And I know what they want / To forget the hurt / But either side you’re on / You get what you deserve» zurücklässt.

Wer in ein paar Jahren, nach den dritten Corona-Kriegen, noch über ein digitales Abspielgerät mit aufgeladenem Akku verfügen sollte, hätte nun auch schon den passenden Soundtrack um von der Ferne aus brennenden Wolkenkratzer-Ruinen zuzuschauen.

Highlights: «Disappearing» • «The Price You Pay (It Must Be Wearing Off)» • «Days Like These» • «I Can Wait» • «White Horses» • «All Night»
Noch mehr gute Musik aus dem Musikjahr 2021 gibt’s in der Liste der besten Songs 2021 – und in meiner Jahresplaylist, die ich auch durchs Jahr durch immer wieder regelmässig aktualisiere:
Wer die bessere Bestenliste hat, postet diese in die Kommentare. Dort kann man mich auch auf allfällige Schreibfehler aufmerksam machen. (Für eine:n Lektor:in reicht das Budget leider nicht.)

Mehr Listen gibt’s hier.

2 Anworten auf „Die 20 besten Alben 2021“

generell liebe ich bestenlisten ende des jahres. ich kann mich darin ewig verlieren. leider sind gute listen rar. die meisten zeitschriften und onlinemagazine überlegen wohl fieberhaft am reisbrett, wie man eine möglichst coole liste hinbekommt welche dann zeigen soll ach wie up to the newest shit man ist.
hingegen deine liste kommt direkt from the heart, so fühlt es sich jedenfalls an. vielleicht hilfts auch, dass wir wohl einen nicht ganz unterschiedlichen musikgeschmack haben.
vielen dank fürs teilen deiner begeisterung,
alles liebe
Neno

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