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Best of 2019 Bestenlisten Musik

Die 20 besten Alben 2019

Lieblingsmusik 2019, Vol. 2: Meine Lieblingsplatten des Jahres.

Musikalisch gesehen war 2019 ein eher mittelmässiger Jahrgang, nicht? Wenn ich mir selbst beim #1-Album ernsthafte Gedanken darüber machen muss, ob ich es ebenfalls in meine Liste der besten Alben der 2010er-Jahre (Coming Soon!) aufnehme möchte, ist das meistens kein gutes Zeichen.

Ich wünsche mir von vielen Acts, die es dieses Jahr in meine Bestenliste geschafft haben, zukünftig eine bessere Qualitätskontrolle: Denn selbst die besten Alben auf dieser Liste könnte man wohl um 1 bis 2 Songs «erleichtern».

Hm. Das klingt jetzt negativer, als ich es ursprünglich geplant habe. Unter dem Strich gab’s natürlich auch dieses Jahr wieder haufenweise spassige Musik. Zum Beispiel diese 20 Alben hier:

20. American Football: American Football (LP3) [Polyvinyl]

Alte Emo-Helden, deren Reunion mittlerweile länger anhält als ihre erste – sehr kurze – Schaffensphase. Wirklich erstaunlich, dass der gleiche Trick, den sie vor genau 20 Jahren auf ihrem unschlagbaren Debüt vorgezaubert haben, auch zum dritten Mal wieder funktioniert.

Highlights: «Uncomfortably Numb» (feat. Hayley Williams) • «I Can’t Feel You» (feat. Rachel Goswell) • «Heir Apparent»

19. Julia Jacklin: Crushing [Polyvinyl]

Nun gleich zwei Alben hintereinander von Künstlerinnen, die ich ohne mit der Wimper zu zucken zu den zurzeit wichtigsten Indie-Musikerinnen zählen würde – in erster Linie wegen ihren Texten –, ich mir aber in beiden Fällen nicht ganz sicher bin, ob ihre Alben wirklich von A bis Z verheben.

Bei Julia Jacklin ist die A-Seite wirklich hervorragend, die B-Seite kann dann nicht mehr ganz mithalten. Das habe ich auch am (guten!) Konzert im Bogen F so feststellen müssen.

Aber eben: Die «Highs» des Album sind wirklich, äh, hoch.

Highlights: «Head Alone» • «Pressure to Party» • «Body» • «Don’t Know How to Keep Loving You»

18. Stella Donnelly: Beware of the Dogs [Secretly Canadian]

Hier könnte ich den Text zu Julia Jacklin copy/pasten. Denn auch bei Stella Donnelly gilt: Die Höhepunkte sind so hoch, sie überschatten die weniger guten Songs. Und «Old Man» hat den besten Text – die ultimative #metoo-Hymne.

Highlights: «Season’s Greetings» • «Old Man» • «Tricks»

17. Helado Negro: This Is How You Smile [RVNG Intl.]

Auch das hier eine Scheibe, deren Grossartigkeit sich mir immer wieder gezeigt hat, ich schlussendlich aber nur sehr selten ganz am Stück durchhören konnte. Und irgendwie ist «Replayability» halt doch ein gewichtiger Faktor für so eine Liste.

Highlights: «Running» • «Pais Nublado» • «Please Won’t Please»

16. Faye Webster: Atlanta Millionaires Club [Secretly Canadian]

Wunderbare Alt-Country-Platte einer Dame aus Atlanta, die übrigens auch schon Hooklines für RnB-Songs eingesungen hat.

Highlights: «Flowers» (feat. Father) • «Right Side of My Neck» • «Kingston»

15. Hot Chip: A Bath Full of Ecstasy [Domino]

Hot Chip diesen Dezember im mir ungeliebten Les Docks in Lausanne (Garderobe voll an einem Konzert im Dezember – und das gleich zwei Mal? Das geht nicht): Ein Best-of-Set mit numme Hits und trotzdem war «Melody of Love» das absolute Highlight.

Auf Album #7 wird das Rad zwar nicht neu erfunden, aber wieso Ecken reinhämmern, wenn’s doch so schön rollt?

Highlights: «No God» • «Melody of Love» • «Positive»

14. Slaughter Beach, Dog: Safe and Also No Fear [Lame-O]

Mein Sounds!-Homie Andi hat diese Platte als «Wohlfühl-Lagerfeuer» beschrieben. Dem kann ich eigentlich nichts hinzufügen.

Highlights: «Heart Attack» • «Black Oak» • «The Dogs» • «Map of the Stars»

13. Andrew Bird: My Finest Work Yet [Loma Vista]

Vielleicht nicht sein «finest Work», aber dennoch eines seiner Top 3-Alben. Besonders erfreulich, weil ich in den letzten Jahren bezüglich Andrew Bird ein bisschen abgehängt habe. Er müsste sich auf seine «regulären» Releases, wie dieses hier, beschränken. Die instrumentalen EPs und der ganzen andere Krimskrams, den er sonst noch so veröffentlicht, verwässern seinen Output auf unnötige Weise.

Wer die Geige als Instrument mag, wird das hier lieben.

Highlights: «Olympians» • «Don the Struggle» • «Manifest» • «Archipelago»

12. Big Thief: Two Hands [4AD]

Schon ein unglaublicher Power Move, im Frühling eines der besten Alben des Jahres zu veröffentlichen (siehe unten) – und dann so mir nichts, dir nichts im Herbst nochmals nachzudoppeln, ja?

Und das Verrückte ist hier ja, dass man nicht einfach die jeweils besten fünf Songs beider Alben zu einem Superalbum fusionieren könnte. Denn beide Alben stehen für sich, funktionieren so wie sie sind, und zeigen eine Band, die gerade «on top of their game» ist. Eines der Indie-Highlight des Jahres.

Highlights: «Forgotten Eyes» • «Shoulders» • «Not» • «Replaced»

11. Tyler, the Creator: IGOR [Columbia]

Mein Hip-Hop-Jahr war kein gutes. Ich hatte zwar vereinzelt an grossen Trap-Hits Freude, auf Albumlänge kann man sich das aber nicht anhören. Zu einseitig, zu austauschbar, zu repetitiv und schlussendlich nur dafür gedacht, mit möglichst vielen Tracks möglichst viele Streams auf Spotify einzusacken um sich so nach weiter vorne in den Charts schmuggeln zu können.

Die grosse Ausnahme ist Tyler: Der macht zwar keinen Trap, ist aber auch kein langweiliger Golden-Age-of-Hip-Hop-Nostalgiker. Tolles Songwriting, immer mit Blick über den Tellerrand hinaus. Vielleicht nicht ganz so gut wie seine letzte, aber immer noch hervorragend.

Highlights: «Earfquake» • «Running Out of Time» • «Gone, Gone / Thank You»

10. Jenny Hval: The Practice of Love [Sacred Bones]

Das Konzeptalbum über Menstruation («Blood Bitch», 2016), das Album über postoperative Fieberträume («Apocalpyse, Girl», 2015): Zwar hat Jenny Hval immer mal wieder meine Aufmerksamkeit bekommen, auf Albumlänge hat es aber noch nie ganz gezündet. Das ändert sich nun endlich.

Eine musikalische Hommage an elektronische Ecken der 90er-Jahre, ohne in die peinliche Nostalgiefalle zu treten und textliche Inhalte, die viel Zunder bieten. Die Skype-Konversation, die den Löwenanteil des Titeltracks einnimmt, gehört zu den inhaltlichen Highlights des Musikjahres.

Highlights: «Ashes to Ashes» • «Accident» (feat. Laura Jean) • «The Practice of Love» (feat. Laura Jean and Vivian Wang) • «High Alice»

9. Bill Callahan: Shepherd in a Sheepskin Vest [Drag City]

Welcome Back, Old Friend! Ein bisschen seltsam, dass Callahan, dessen letzte beiden Alben sieben respektive acht Tracks hatten, uns hier ein Monumentalwerk mit 20 Songs vorlegen musste (ein paar weniger hätten’s imfall auch getan!), aber schon okay so.

Highlights: «747» • «The Ballad of the Hulk» • «Young Icarus» • «Lonesome Valley»

8. Hatchie: Keepsake [Double Double Whammy]

Dream Pop à la Cocteau Twins. Böse Zungen behaupten, Hatchie hätte ihren Höhepunkt schon mit ihrer Debüt-EP erreicht. Das stimmt natürlich nur halb. Klar, die Songs sind hier mehr oder weniger immer nach dem gleichen Rezept aufgebaut, aber wenn’s ein Gericht ist, das gut schmeckt, wieso dann jedes Mal anders würzen? Eben.

Highlights: «Obsessed» • «Stay With Me» • «Her Own Heart» • «Kiss the Stars»

7. Bon Iver: i,i [Jagjaguwar]

Schon erstaunlich: Jedes Mal wenn Justin Vernon ein neues Album ankündigt, ich die jeweils dämliche Tracklist durchlese und mir das jeweils beschissene Artwork anschaue, frage ich mich jedes Mal: «Warum finde ich das schon wieder gut?»

Und dann gibt es seine Konzertauftritte, wie zum Beispiel jener mit seinem Seitenprojekt Big Red Machine am diesjährigen Primavera Sound, wo jedes Stück mit «This is not a song, this is just a sketch for now» angekündigt wird und ich mich erneut frage: «Warum finde ich das schon wieder gut?»

Mit Vernons musikalischer Philosophie – Musik sei etwas, dass nie festgehalten werden sollte und sich konstant weiterentwickeln und verändern muss – kann ich nicht viel anfangen. Schliesslich befinden wir uns hier ja immer noch im Rahmen der Popmusik. Und ich verstehe die Philosophie erst dann nicht, wenn er uns mal wieder zeigt, wie gut es doch sein kann, wenn er tatsächlich etwas festhält.

Längst hat sich Vernon vom Waldhüttli-Langweiler-Folk losgelöst und bietet auch dieses Mal wieder etwas, das so klingt wie nichts anderes. Idiosynkratisch und trotzdem nicht nervig oder unnötig artsy. Fantastisch.

Ich kann aber gut verstehen, wenn man mit solch krass humorloser und angestrengter Ernsthaftigkeit, wie sie einem hier geboten wird, nichts anfangen kann.

Highlights: «iMi» • «RABi» • «Naeem» • «Faith» • «Hey, Ma»

6. Balthazar: Fever [PIAS]

Rock’n’Roll ist tot, lang lebe Rock’n’Roll! Mit Maarten Devoldere habe ich dieses Jahr vor ihrem Konzert im Plaza (gute Show!) ein Interview gemacht und er sah so aus, als ob er gerade drei Tage lang nicht geschlafen hätte.

Ich würde ja gerne behaupten, dass mir diese toxischen Rock’n’Roll-Klischees nicht mehr zusagen würden, aber sie tun’s leider doch. Vor allem dann, wenn sie die Musik (Cooler-than-you-Zigistummel-Wegschnips-Indie-Rock) dementsprechend ergänzen. Sorry!

Highlights: «Entertainment» • «Fever» • «I’m Never Gonna Let You Down Again» • «Wrong Vibration»

5. Steve Gunn: The Unseen In Between [Matador]

Auch wenn man mir in meinem Arbeitsumfeld immer mal wieder sagt, dass sich nur Nerds für «Musiklabels» interessieren, halte ich sie dennoch für wichtig (Hm. Bin ich etwa ein Nerd?). Steve Gunn ist ein gutes Beispiel: Er passt zu «Matador Records» wie die Faust aufs Auge – und setzt die Sonic Youth’sche Tradition des Labels fort. Grossflächige Singer-Songwriter-Musik für lange Roadtrips.

Erschienen im Januar, hat sich bis Ende Jahr prima gehalten.

Highlights: «Chance» • «New Moon» • «Lightning Field» • «Vagabond» • «New Familiar»

4. Big Thief: U.F.O.F. [4AD]

Big Thief, Part 2: Adrianne Lenker kommt mir immer so vor, wie ein Jenga-Turm, an welchem schon eine Viertelstunde lang gespielt wurde. Sie klingt so zerbrechlich, dass man schon nur dann, wenn man die Play-Taste ein bisschen zu forsch drückt, Angst haben muss, dass sie auseinander fällt. Aber gerade darum nimmt man ihr jedes Wort, jedes Schluchzen, das von ihren Lippen kommt, auch ab. Stichwort: Authentizität.

Es ist der undankbarste musikalische Vergleich, den man mit einer Band anstellen kann: Aber «Century» ist wirklich der beste Late-Period-Radiohead-Song, den Radiohead noch nicht geschrieben haben.

Highlights: «Century» • «Cattails» • «Contact» • «UFOF»

3. Whitney: Forever Turned Around [Secretly Canadian]

Und hier nochmals eine richtige Portion Nostalgie: Whitney sind eine Zeitmaschine, die einem zurück ins Jahr 1973 katapultieren. Bei dieser Musik ist es immer Spätsommer, man sitzt immer an einem See, man hofft immer, dass «dieser Moment» (sehr Abstrakt, I know!) für immer anhalten wird.

Highlights: «Giving Up» • «My Life Alone» • «Valleys (My Love)» • «Before I Know It» • «Friend of Mine»

2. Vampire Weekend: Father of the Bride [Columbia]

Und jetzt nochmals zum Thema «Qualitätskontrolle». Ich hoffe wirklich, dass dieses Album, das bislang «schwächste» Vampire- Weekend-Album, nicht das letzte gute Vampire-Weekend-Album sein wird. Denn die Anzeichen sind schon irgendwie da: Nach dem Austieg von Rostam fehlt Ezra Koenig der Gegenpol. So gibt’s nun 18 Songs statt 12, und das Artwork sieht wirklich nach jemandem aus, der sonst unironisch Socken in Sandalen trägt.

Es ist ein Testament für Koenigs Songwriting, dass dieses Album trotz Überlänge, immer noch genügend Grossartigkeit abwirft um zum zweitbesten Album des Jahres werden. Hoffnung für die Zukunft machen jene Tracks mit weiblichen Gastvocals.

Highlights: «Harmony Hall» • «This Life» • «Hold You Now» (feat. Danielle Haim) • «We Belong Together» (feat. Danielle Haim) • «Rich Man» • «Bambina» • «Unbearably White»

1. Purple Mountains: Purple Mountains [Drag City]

Ach, David Berman.

Zehn Jahre war er weg vom Fenster. Dann kommt er aus dem nichts mit seiner vielleicht besten Platte zurück – und verabschiedet sich kurz vor der Comeback-Tour klammheimlich durch die Hintertür.

Ich war schon immer Berman-Fan, auf Albumlänge hat mich das Genöle aber immer mal wieder genervt (sogar auf «American Water»!). Hier ist es alles anders: Hits, Hits, Hits mit den gewohnt beissenden, selbstironischen, satirischen Texten.

Und ja, rückblickend betrachtet, hätten bei Textzeilen wie «I mean, things have not been going well» und «But this kind of hurtin‘ won’t heal / And the end of all wanting / Is all I’ve been wanting» die Alarmglocken noch schriller läuten müssen.

Ach, David Berman.

Highlights: «All My Happiness Is Gone» • «Snow Is Falling In Manhattan» • «Storyline Fever» • «Darkness and Cold» • «She’s Making Friends, I’m Turning Stranger»

2 Anworten auf „Die 20 besten Alben 2019“

Seit zwei Tagen check ich ihre Listen durch. Bei den Serien lass ich mal alle Übersinnlichen weg, z.B. Strangers Things find ich sackschwach, irgendwie kindisch. Wahrscheinlich fehlt mir einfach die Fantasie. Bin allerdings ein bisschen enttäuscht das Handmaids Tale nicht in ihrer Liste ist.
Toll dass man bei den Alben direkt reinhören kann.

Vampire Weekend und Fleabag sind bei mir persönnlich ganz weit oben. Bei den Songs bin ich mehr auf Soul/Funk gepeilt, Sault „We are the Sun“ z.B. haut mich weg.

Weiter so Zensor!

Ich war von der ersten Staffel «The Handmaid’s Tale» wirklich massiv begeistert (das kann man z.B. hier nachlesen), fand aber schon, dass sich in der zweiten Staffel gewisse Abnutzungserscheinungen gezeigt haben. Das Ende der zweiten Staffel hat mir endgültig den Rest gegeben, seither bin ich nur noch aus Verpflichtung dabei.

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